Gedanken einer Auswanderin

Nun habe ich es im Titel ausgesprochen, dieses Wort…AUSWANDERIN:

duden-auswandern

Nach etwas mehr als zwei Jahren auf der grünen Insel komme ich wohl nicht mehr drum herum: ich bin nach Irland ausgewandert, habe meine Heimat [NEIN, nicht für immer] verlassen und in Irland eine zweite Heimat gefunden.

Die Zeit ist so schnell vergangen, ich habe meinen Master im September 2014 begonnen, ein Jahr später meinen Abschluss gefeiert und nun arbeite ich schon seit 8 Monaten am University College Dublin (UCD). Während des Sommers habe ich mich noch auf den Semesterstart am UCD vorbereitet, für einige Wochen wusste ich nicht wo mir der Kopf steht und nun? Es ist wieder etwas ruhiger geworden und ich habe Zeit die letzten Wochen, Monate…ja, Jahre Revue passieren zu lassen. Dabei habe ich mir über ein paar Dinge besonders ausführlich Gedanken gemacht:

BIN ICH SO ABGEBRÜHT?

In den letzten Woche habe mich immer wieder gewundert wie leicht mir der Schritt, Deutschland zu verlassen und nach Irland zu ziehen, gefallen ist. Ich kann mich nicht daran erinnern unter starken Zweifeln gelitten oder von Ängsten geplagt gewesen zu sein. Selten habe ich eine Träne vergossen. Ganz im Gegenteil, ich habe mich auf das neue Abenteuer gefreut, wollte meinen Master beginnen sowie Land und Leute so gut wie möglich kennenlernen.

Der Abschied im August 2014 ist mir weniger schwer gefallen als mein Aufbruch nach Australien 2011 – vielleicht lag das aber auch daran, dass Irland nicht am anderen Ende der Welt liegt und es so viel einfacher ist der Heimat einen Besuch abzustatten. Vielleicht aber auch daran, dass Mark in Irland auf mich gewartet hat und ich somit nicht ganz alleine war.

EINE ANDERE WELT

Die ersten Wochen und besonders die Wochenenden in Irland waren kein Zuckerschlecken – auf einmal lebte ich in einem kleinen irischen Dorf und verlor irgendwie meine aus Bremen gewohnte Flexibilität (mein Fahrrad, mein Auto). Zu Beginn hatten wir zudem noch kein Internet oder Fernsehen, was meine neue Umgebung noch etwas trister und abgeschotteter erschienen ließ. Freunde und Familie lebten ihr Leben in Bremen weiter und ich fühlte mich ganz weit weg von allen und allem.

Die Sprachbarriere hat mir in den ersten Monaten (und teilweise auch heute noch) so ihre Probleme bereitet. In einer großen Gruppe fand ich es sehr schwer Gehör zu finden. Manchmal habe ich etwas länger gebraucht um die passenden Worte zu finden und war, schwupps, aus dem Gespräch heraus. Die Iren reden viel und die Iren reden schnell, da muss man erst einmal hinterherkommen. Zudem hat es mich sehr gestört, dass ich mich auf English nicht so ausdrücken konnte wie auf Deutsch. Witze machen, sarkastisch sein, Wortspiele einbringen – all das ging bei der Übersetzung verloren.

An die Art der Iren musste ich mich aus erst einmal gewöhnen. Alle sind super freundlich, doch teilweise auf eine sehr oberflächliche Art. Manchmal hat man das Gefühl, dass sich Leute schon Jahre kennen, obwohl sie sich vor 5 Minuten das erst Mal begegnet sind. Ich bin anfangs eher skeptisch und brauche etwas Zeit um mit neuen Leuten warm zu werden. Aus diesem Grund ließen mich der Überschwang, die teilweise übertriebene Erzählweise und der auf höchstem Niveau stattfindende Small Talk  anfangs verstummen. Ich konnte das einfach alles nicht ernst nehmen und habe an der Authentizität mancher gezweifelt.

Ich habe mich von diesen kleinen Tiefs, Zweifel und Unterschiede jedoch nie entmutigen lassen und jede Woche mit neuem Elan gestartet. Ich habe gelernt die Iren so zu akzeptieren wie sie sind…und mich ebenfalls. Ich passe mich an die Kultur an so gut es geht und habe einen Großteil meiner anfänglichen Skepsis abgelegt.

Ich habe das Studium gemeistert und mir nach meinem Abschluss einen Job gesucht. Den Gedanken nach Bremen zurückzukehren hatte ich nicht. Ob ich für immer in Irland bleiben möchte und was die Zukunft bringen wird ist allerdings eine ganz andere Frage, auf die ich bis jetzt noch keine Antwort gefunden habe.

NEUE UND ALTE BEKANNTSCHAFEN, FREUNDE UND FAMILIE

Ein Thema mit dem sich wahrscheinlich jeder beschäftigt, der die Heimat verlässt und ein Thema, welches zeigt, dass ich doch gar nicht so abgebrüht bin.

Die meiste Zeit würde ich mir wünschen einen Privatjet zu besitzen, welcher mich nach Bremen fliegt wann immer es mir beliebt. Einem Familienmitglied geht es schlecht, eine Freundin hat Herzschmerz, eine große Party steht an oder einfach ein gemütlicher Abend unter Freunden. Ich möchte dabei sein! Jetzt! Sofort! Ich habe keine Lust ständig am Handy zu hängen, brauche eh ewig um eine etwas längere Nachricht zu verfassen und finde es oft schwer Emotionen und Gefühle richtig rüberzubringen – viel lieber würde ich persönlich zur Stelle sein.

Ende letzten Jahres war ich aus familiären Gründen sehr oft in Bremen. Dieses Jahr waren es bis zum jetztigen Zeitpunkt drei verlängerte Wochenenden, die ich in der Heimat verbracht habe. Im Oktober geht es noch einmal zurück und auch Weihnachten werde ich natürlich mit Familie und Freunden verbringen. Gefühlt war das nicht viel und es beschäftigt mich, dass ich die Zahl im nächsten Jahr wahrscheinlich noch einmal reduzieren muss, sollte ich mir auch einmal einen richtigen Urlaub, am liebsten unter Sonne Italiens, gönnen wollen.

Nach Beendigung meines Studium war es am Schwersten. Für ein Jahr habe ich meine Klassenkameraden fast täglich gesehen und hatte alle Hände voll zu mit den unterschiedlichsten Projekten. Ab Oktober war dann alles vorbei, Mark fand einen Job in Dublin und ich verbrachte viel Zeit allein zu Hause. Ich habe angefangen mich freiwillig einmal die Woche für Faitle Isteach zu engagieren und habe fleißig Bewerbungen geschrieben. Wie schon erwähnt bin ich öfter nach Bremen geflogen und fand die Umgewöhnung nach einem Wochenende mit Familie und Freunden immer etwas schwer.

Im Januar habe ich den Job am UCD bekommen und finde es toll wieder täglich Leute um mich herum zu haben. Zudem sind viele unserer Wochenenden ausgeplant und ich habe mich gut in Marks Freundeskreis integriert und habe auch immer noch Kontakt zu ein Paar Leutchen aus meinem Studium.

UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT?

…aufgeben gibt es nicht 🙂 Auf wenn es manchmal schwierig ist, sollte man nie die Hoffnung verlieren und stark bleiben. Der Weg lohnt sich!

p1020391


P.s.: das sollte jetzt kein trauriger Beitrag sein und ich wollte damit nicht sagen, dass es mir schlecht ging oder geht. Ich habe die letzten zwei Jahre sehr genossen, wollte aber einfach mal ein paar Gedanken loswerden und Situationen schildern, die wahrscheinlich jeder erlebt, der für längere Zeit in einem anderen Land verbingt.


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